Durchblick im System der psychologischen Versorgung
- Chris Marie Marie von Nauman
- 4. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Sept. 2025

In meinem Berufsalltag erlebe ich oft, wie verwirrend das System der psychologischen Versorgung in Deutschland wirkt. Gerade Menschen, die dringend Unterstützung suchen, wissen häufig nicht: Wo bekomme ich Hilfe, wer ist wofür zuständig – und bin ich eigentlich Klient*in oder Patient*in?
In diesem Beitrag möchte ich dir einen Überblick geben, damit du gezielt nach der Hilfe suchen kannst, die dir zusteht.
Der Blogbeitrag als pdf-Datei (kostenloser Download).
1. Psychologe, Psychotherapeut, Psychiater, Heilpraktiker – wo liegt der Unterschied?
Psychologe
Hat einen Masterabschluss in Psychologie (früher Diplom).
Arbeitet oft in Forschung, Beratung, Diagnostik oder Coaching.
Ohne Approbation ist ein Psychologe nicht Teil des Gesundheitswesens – er darf also keine Psychotherapie nach Kassenrecht anbieten.
Psychotherapeut
Hat eine Approbation – also die staatliche Zulassung, psychotherapeutisch zu arbeiten.
Früher: Master Psychologie + zusätzliche Ausbildung.
Heute (seit Reform 2020): Direktstudium Psychotherapie (B.Sc. + M.Sc.) + Approbationsprüfung.
Kassenzulassung nur mit Spezialisierung in einem der vier Richtlinienverfahren:
Verhaltenstherapie (VT)
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)
Psychoanalyse
Systemische Therapie
Psychotherapeut*innen dürfen:
Diagnosen stellen (ICD-10/11)
Psychotherapie durchführen
Gutachten schreiben
Sie dürfen nicht:
Krankschreiben
Medikamente verschreiben
Körperliche Untersuchungen durchführen
Wichtig: Psychologe = nicht automatisch Psychotherapeut. Beide arbeiten wertvoll, aber in unterschiedlichen Bereichen. Psychotherapeut*innen behandeln psychische Erkrankungen, Psycholog*innen sind häufig präventiv, beratend oder forschend tätig.
Psychiater
Ist Arzt (Medizinstudium) mit Facharztausbildung „Psychiatrie und Psychotherapie“.
Darf Medikamente verschreiben und Krankschreiben ausstellen.
Arbeitet oft eng mit Psychotherapeut*innen zusammen.
Heilpraktiker für Psychotherapie
Erlaubnis nach Heilpraktikergesetz, Prüfung beim Gesundheitsamt.
Darf psychotherapeutisch arbeiten – im eingeschränkten Rahmen.
Keine Kassenabrechnung (manchmal möglich über private Krankenversicherung oder über manche Zusatzversicherungen; informiere dich vorher).
Keine Behandlung schwerer Erkrankungen (bspw. mit Psychosen).
Häufig arbeiten Heilpraktiker*innen ressourcenorientiert, mit Methodenvielfalt.
Entgegen einiger Vorurteile wird der Heilpraktiker wissenschaftlich überprüft und basiert auf dem ICD-10 bzw. ICD-11 – also dem Diagnosekatalog, nach dem Ärzt*innen, Psychiater*innen und Psychotherapuet*innen auch arbeiten und diagnostizieren.
Dennoch ist er in seinem Umfang geringer als eine akademische Ausbildung. Viele Psycholog*innen machen den Heilpraktiker für Psychotherapie, da man mit diesem eine Heilerlaubnis erhält, eine eigene Praxis eröffnen darf, (eingeschränkt) psychotherapeutisch arbeiten und mit einigen (eher privaten) Krankenversicherungen abrechnen darf.
2. Was übernimmt die Krankenkasse?
Übernommen werden nur Psychotherapien bei Psychotherapeut*innen mit Kassensitz und Zusatzqualifikation in einem der vier Richtlinienverfahren.
Auch Psychiater können mit Kasse abrechnen.
Da Kassensitze begrenzt sind, sind die Wartezeiten oft lang.
3. Heilpraktiker für Psychotherapie – Hokuspokus oder seriös?
Nein, der Heilpraktiker für Psychotherapie ist kein esoterischer Hokuspokus:
Grundlage ist ICD-10/-11 (wissenschaftlich).
Prüfung erfolgt durch das Gesundheitsamt.
Allerdings: Die Ausbildungstiefe ist kleiner als in einem akademischen Studium.
Zu kurz kommt beim Heilpraktiker für Psychotherapie meines Erachtens die Interventions- und Präventionsleistung – also wie man den Menschen gezielt helfen kann und wie man sie vor erneuten Lebenskrisen und/oder erneuter Erkrankung schützt.
Aber dies kommt auch in dem klassischen Psychologiestudium zu kurz – so die Kritik die ich persönlich(!) wahrnehme, weswegen ich mich gegen dieses Studium und für das Masterstudium der Beratungspsychologie entschieden habe. In meinem Studium habe ich mich in allen Richtlinienverfahren (und weiteren) ausbilden lassen, sodass ich aus allen Bereichen schöpfen kann sowie mich neben diesen auf die Systemische Therapie/Beratung einmal mehr fokussiert habe (weiterer Abschluss als Systemische Beraterin).
Wie überall gibt es auch unter den Heilpraktikern schwarze Schafe. Prüfe gut, ob das Angebot seriös ist. Auch ein esoterischer, spiritueller und/oder naturheilkundlicher bzw. alternativmedizinischer Zugang kann manchmal genau das Richtige sein. Ich denke, dass sowohl die „Schulmedizin“, die klinische Psychologie, die Psychotherapie als auch alternative Heilmethoden ihre Daseinsberechtigungen haben und eine wunderbare Symbiose sowie ein vielfältiges Angebot in der Versorgungslandschaft bilden. In Deutschland sind leider viele Ansätze noch nicht etabliert, die in anderen Ländern schon zum Einsatz kommen und wertvolle (auch evidenzbasierte) Effekte zeigen.
4. Klient oder Patient – was bin ich?
Patient*in bist du im Gesundheitswesen (Psychotherapie, Psychiatrie, Medizin).
Klient*in nennt man dich eher in Beratung oder Coaching.
Viele Psychotherapeut*innen nutzen inzwischen bewusst „Klient*in“, um nicht zu stark zu pathologisieren. Denn wo genau „Gesundheit“ aufhört und „Krankheit“ beginnt, ist nicht immer eindeutig. Es gibt kontroverse Meinungen dazu. Die einen halten Diagnosen und die Trennung von Gesundheit und Krankheit für sehr wichtig. Die anderen hinterfragen, was „gesund“ oder „normal“ bedeutet und ob nicht auch ein Erleben außerhalb der Norm (die nicht mehr oder weniger als „der Durchschnitt“ ist) gesund ist/sein kann und nicht als „krank“ abgestempelt werden sollte.
Diese Diskussionen und Kontroversen erlebe ich als bereichernd und fruchtbar. Denn z. B. galt Homosexualität noch bis 1990 als psychische Störung (bis ICD-9). Dass dies heute nicht mehr so ist, ist sehr gut so und ist entsprechenden kontroversen Diskussionen und kritischem Hinterfragen zu verdanken.
Meine persönliche Meinung ist, dass aktuell eine Überpathologisierung stattfindet. Heißt: Dass zu viel in der Kategorie „Krankheit“ gedacht wird. Mein (u. a. systemisches) Verständnis ist, dass der Stempel „Du bist krank“ und „Ich bin gesund“ kein förderlicher Umgang im Sinne einer „Genesung“ bzw. „Entwicklung“ ist. Ich persönlich arbeite wenig pathologisierend.
Bei gewissen psychischen Erkrankungen ist eine Diagnose im Sinne der richtigen Versorgung aber sehr, sehr sinnvoll (z. B. bei Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis oder bei psychotischem Erleben). Auch wenn ich offiziell keine Diagnosen stellen darf, habe ich fundiertes diagnostisches Wissen und werde Verdachtsdiagnosen prüfen und ggf. mitteilen, sollte ich einen entsprechenden Eindruck haben.
5. Psychotherapie vs. Psychologische Beratung
Vielleicht fragst du dich: Wo genau ist eigentlich der Unterschied?
Psychotherapie bedeutet: Heilung oder Linderung einer psychischen Erkrankung(z. B. Depression, Angststörung, Zwangsstörung). Sie wird in der Regel mit der Krankenkasse abgerechnet, wenn die Behandlung bei einem Psychotherapeuten mit Kassensitz erfolgt.
Psychologische Beratung richtet sich an Menschen in Lebenskrisen oder mit belastenden Situationen, die (noch) keine psychische Erkrankung im engeren Sinn darstellen. Typische Themen: Stress, Selbstwert, Entscheidungsfindungen, Konflikte, persönliche Weiterentwicklung.
Psychologische Beratung wird von ganz unterschiedlichen Berufsgruppen angeboten – von Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Heilpraktiker*innen, Sozialpädagog*innen oder Coaches. Manche Angebote sind kostenlos (z. B. Pro Familia, Familienberatungsstellen, Frauenberatungsstellen, Studierendenwerke), andere kostenpflichtig (z. B. selbstständige psychologische Berater*innen).
Beispiel: In meiner Angestelltentätigkeit arbeite ich in der Psychologischen Beratung des Studentenwerks Schleswig-Holstein (das Angebot richtet sich ausschließlich an Studierende in Schleswig-Holstein und ist kostenlos). Meine eigene psychologische Onlineberatung ist kostenpflichtig, da ich damit auch einen Teil meines Lebensunterhalts verdiene.
Ich habe mich damals bewusst für den Masterstudiengang Beratungspsychologie entschieden, weil er sehr praxisnah und methodenorientiert ausgelegt ist. Mein Eindruck ist: Es braucht nicht immer jahrelange Therapie – oft helfen schon wenige Sitzungen, um Klarheit und Stabilität zu gewinnen.
6. Welche Hilfe brauche ich?
Das ist sehr individuell. Hier ein paar Ideen, wie du herausfinden kannst, was zu dir passt:
Hausärztin/Hausarzt: Erster Anlaufpunkt. Dort kann eine Verdachtsdiagnose gestellt und eine Überweisung zur Psychotherapie ausgestellt werden. Das Erstgespräch bzw. die Erstgespräche (auch probatorische Sitzungen genannt; bis zu 5 Sitzungen) beim Psychotherapeuten bekommst du oft sehr schnell (garantiert aber noch keinen Therapieplatz); im nächsten Abschnitt erkläre ich dir wie. Dort findet oft schon eine Diagnostik statt.
ChatGPT: Ja, auch ChatGPT kann eine erste Orientierung geben, weil hier Fachwissen gesammelt und neutral aufbereitet wird. Aber eine echte therapeutische/beratende Beziehung kann eine KI natürlich nicht ersetzen.
Psychologische Beratung: Sinnvoll, wenn du dich belastet fühlst. Psychologische Beratung leistet sehr wertvolle Hilfe bei vielen Themen und oft kann auch diagnostische Orientierung geboten werden.Ich biete im Zuge meiner psychologischen Onlineberatung kostenlose und unverbindliche Erstgespräche (Telefonat, 15 Min.) an. Solltest du also eine Psychologische Onlineberatung bei mir in Betracht ziehen, lernen wir uns zunächst unverbindlich und kostenlos kennen, damit ich dir eine Einschätzung geben kann, wie ich dir helfen kann oder ob du an anderer Stelle ggf. besser angebunden wärst. Schau gern vorbei: www.chrismarievonnauman.de.
Selbstzahler-Option: Wenn du schneller Unterstützung möchtest, kannst du Beratung oder Psychotherapie auch privat finanzieren.
7. So findest du Hilfe
Es gibt verschiedene Wege – und manchmal braucht es mehrere Versuche parallel:
Hausarzt/Hausärztin aufsuchen → Überweisung für Psychotherapie, ggf. mit Dringlichkeitsvermerk.
Patientenservice (116117) anrufen → vermittelt dir innerhalb von 4 Wochen einen Termin bei einem/r Psychotherapeut*in (oft zunächst nur Erstgespräch(e)/Sprechstunde/Probatorische Sitzungen).
Psychotherapeut*innen selbst kontaktieren → mit Kassensitz (für Kassenleistung) oder privat. Wichtige Portale:
Arztsuche Kassenärztliche Vereinigung: www.arztsuche.116117.de
Selbstzahler-Angebote nutzen → Als Selbstzahler hast du oft schneller einen Termin. Manche privaten Krankenkassen oder Zusatzversicherungen übernehmen Kosten teilweise.Mein aktueller Kenntnisstand ist, dass eine Kostenübernahme leider nur noch sehr selten bis gar nicht stattfindet. Mir war es darum wichtig, mein Angebot nicht überteuert zu gestalten sowie mich auf Kurzzeitberatung zu konzentrieren. Ich habe den Eindruck, dass es oft weniger Termine braucht, als man zunächst denkt.
8. Psychologischer Notfall
Wenn du akut in einer Krise bist:
112 anrufen (bei Eigen- oder Fremdgefährdung).
Den Sozialpsychiatrischen Dienst in deiner Stadt kontaktieren.
Direkt in die psychiatrische Klinik gehen – viele haben tägliche offene Sprechstunden (z. B. in Kiel im ZiP). Plane hier genug Wartezeit ein und geh lieber frühzeitig hin.
9. Checkliste: Darauf solltest du achten
Kläre: Brauche ich Psychotherapie (Krankenkasse, Diagnose) oder psychologische Beratung (oft geringerer Umfang, nicht Teil Gesundheitswesen, oft Selbstzahler aber auch kostenlos)
Prüfe, ob die Fachperson die richtige Qualifikation hat (Approbation, akademischer Abschluss, Heilpraktikererlaubnis – je nachdem, was dir persönlich wichtig ist).
Entscheide: Kassenleistung oder Selbstzahler? Beides hat Vor- und Nachteile (Wartezeit vs. Flexibilität).
Nimm ein Erstgespräch wahr, um die Chemie zu prüfen – dein Bauchgefühl und die Beziehung zu der therapierenden und/oder beratenden Person ist der bedeutsamste Wirkfaktor für deine Entwicklung.
Sei dir bewusst: Hilfe suchen ist ein Zeichen von Stärke. Du musst da nicht alleine durch.
Rechtlicher Hinweis:
Stand: 04.09.2025. Die Inhalte wurden sorgfältig recherchiert und nach bestem Wissen erstellt. Sie dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine rechtliche oder medizinische Beratung dar. Es wird keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität und Richtigkeit übernommen.


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